Post-Hammerexamen – Impressionen

Es ist hinter mir. Sowohl der letzte Tag des schriftlichen Examens als auch die obligatorische Party danach, in einer 24 Stunden-Schicht!

Über 5000 Fragen habe ich während der vier Monate gekreuzt, gefühlt tausende von Wikipedia Einträgen gelesen, hochgerechnet 500 Stunden gelernt, gekreuzt, mich über spitzfindige Fragen aufgeregt, über witzige Antwortmöglichkeiten gelacht, … und dem Examen entgegengefiebert.

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Die letzten Tage vor dem Stex waren irgendwie unwirklich. Man hatte sich schon an das Lernen gewöhnt, daran kaum mehr Freizeit zu haben. Die Tage verschwammen ineinander, einen wirklichen Wochenrhytmus kannte ich schon seit Dezember nicht mehr (ich hatte geshiftet).

Man hat sich also aus dem Bett gequält, fährt mit einem randvoll mit Schokolade, Getränken und Glücksbringern befüllten Rucksack nach Germering heraus. Extra früh, damit ja nichts schiefgeht. Die uns mit allerlei Gummibärchen und Werbung auflauernden Hostessen elegant durch die Hintertür umgangen, wartet man und macht sich gegenseitig noch nervöser als man schon ist … es stellt sich raus, man kann keine Rucksäcke nach Innen mitnehmen. Plastiktaschen, die von einem sympathisch-wachsamen Aufseher durchgeschaut werden (“Das ist schon OK, ich habe vorhin reingespitzelt”) sind hingegen erlaubt. Zum Glück gibt es aber da eben diese Hostessen – die haben am ersten Tag kleine, süße Papiertüten mit Bananen, Äpfeln und Ärzteschlümpfen bepackt (mit der obligatorischen “Name und e-Mailadresse auf unseren Verteiler eintragen”-Postkarte). Diese Tüten sind auf einmal sehr begehrt.

Ich hatte Glück – da es in den letzten Tagen sehr geregnet hatte, habe ich nebst einem kleinen zusammenklappbaren Schirm vom Typ Knirps eine für ihn vorgesehene Plastiktüte dabei. Schnell ist die ganze Nervennahrung umgepackt, samt Glücksschwein, Taschentüchern, Aspirin und Loperamid, und Stiften die wir sowieso nicht benutzen dürfen.

“Nur die Regierungsbleistifte und Radiergummis sind erlaubt.”

Bereits während des ersten Tages geht meinem Regierungsbleistift “der Saft” aus – ich schreibe die Mine leer die darin verblieben war. Das Glücksschwein und die vor mir aufgetürmten Zuckerwarenberge schauen mir beim Kreuzen und Rätseln zu. Ein gutes Gefühl habe ich nicht wirklich, bei vielen, viel zu vielen Fragen muss ich mich zwischen zwei verdammt ähnlichen Optionen entscheiden. A oder C? B oder E? Und dann gibt es noch die Aufgaben, wo nichts richtig zu sein scheint.

Ich vermeide es, gleich nachzuschauen ob ich gut oder schlecht abgeschnitten habe an diesen Tagen. Ich gebe einfach mein Bestes, soviel wie ich lernen konnte, habe ich gelernt. Irgendwann muss Schluss sein. An den Nachmittagen mache ich nichts medizinisches (Facebook und Green Acres). Und wenn es am Ende wirklich nur auf einen Punkt ankommt, dann habe ich es nicht verdient dieses Examen zu bestehen.

Viele Dinge werden mir in den nächsten Tagen wieder vertraut vorkommen, die verschiedenen Risikofaktoren für Endometrium-Carcinom vs. Mamma-Ca vs. Zervix-Ca vs. Ovarial-Ca hatte ich mir angeschaut. Aber während des Examens verlässt einen die absolute Sicherheit die man meint zu brauchen – man gerät ins Raten. War es so herum, oder doch anders? Auch die zotigen Merksprüche, die man sich so aufbaut helfen nicht immer.

Dieser Stress während des Examens, und das Gefühl nicht genug gelernt zu haben, sind ganz normal. Fast jeder Student mit dem ich in diesen Tagen spreche, ist nervös, spricht über unfaire und unerwartete Fragen, darüber dass man Durchhänger hatte und die letzten Tage schlecht gelaufen waren – das gehört dazu. So wie bei Künstlern, die sich vor der Premiere Hals- und Beinbruch wünschen.

Je weiter die Zeit im Examen voranschreitet, desto schwieriger wird die Bearbeitung der Fragen. Wenn man von seinen Toilettengängen wiederkommt, kann man die Luftverschlechterung deutlich merken – mein Luftqualitätssensor hätte jetzt sicherlich “Bad Air Quality” geschrien und Werte jenseits von 4000 angezeigt … tja, auch schlecht dass ich zwischen Stuhl und Gymnastikball abgewechselt hatte beim Lernen. Am ersten Tag tut mir das Kreuz vom langen Sitzen weh. Essen, baden und danach ins Bett …

“Der Kollege hat einen hohen Frischluftbedarf”, mit diesem Satz kommt der freundliche Aufseher am Eingang meiner Bitte nach durchlüften am zweiten Tag nach. Während des Examens sind allerdings die Türen zu, die Fenster mit Vorhängen verhängt. Ich vertreibe mir die Zeit, wenn ich wieder eine “unkonzentrierte Phase” habe – und derer kommen viele – aus dem Fenster zu schauen, meine hübschen Mitstundentinnen anzuschauen, zu raten ob draußen gerade eine Hundeschulung von der hübschen Blondine durchgeführt wird, und mir alle möglichen Methoden zu überlegen wie man sich unbemerkt austauschen könnte. Unsichtbare Schrift auf der Toilettenwand unter UV-Licht, versteckte iPhones hinter dem Klokasten, Morsekodes durch Hundestreicheln und mehr gehören zu den absurden Ideen mit denen ich mich motiviert halte. Wirklich täuschen möchte ich nicht – als zwei Studenten sich mit leiser Stimme über eine Frage austauschen (“ich habe CMV angekreuzt.” “Ich auch”) bleibe ich bei meinem Edwards – Syndrom, obwohl ich gerade bei dieser Frage sehr geschwankt hatte. Ich betrüge nicht, und das zahlt sich aus – Trisomie 18 Edwards ist die richtige Antwort.

Ein älterer Mitstudent – er hatte vorher Ingenieurswissenschaften studiert, und gearbeitet – vermittelt mir eine Weisheit die mich durch Tag zwei und drei bringt: Die Fragen sind absichtlich so gestellt, dass man nicht alle Informationen hat, manchmal überfordert wird, oder Dinge liest von denen man noch nie gehört hatte – im späteren Arztleben wird es auch so sein, dass man manchmal schnelle Entscheidungen mit ungenügenden Informationen treffen muss. Auf das Gefühl kommt es an, vieles wird während dem Examen und später aus dem Bauch heraus entschieden. Man sollte sich überlegen, auf was wollen sie eigentlich hier hinaus? Und oft springt einen die Antwort dann direkt an. Nicht alle Fragen sind fies gestellt, manchmal reagiert man da zu übersensibel und verunsichert durch “Fallen”-Fragen. Ein Herzinfarkt darf auch mal klassisch in den linken Arm ausstrahlende Schmerzen machen.

Der letzte Tag kommt … und irgendwann ist es wirklich vorbei. Meine Blase drückt, ich war diesmal bis zum Schluss in dem Prüfungsraum geblieben. Während der letzten halben Stunde ist “Ausgehverbot”. Schlecht, wenn man nichts zu tun und vor sich eine reiche Auswahl an Getränken hat …

Noch am gleichen Tag hole ich meine Protokolle ab, gehe zu der ersten Fachschaftssitzung des Semesters (wo ich für die Synapse natürlich wieder kräftig die Werbetrommel rühre) und lande auf der Mediziniparty. Danke, Alex! Aber das ist eine andere Geschichte – feiern gehört dazu, auch wenn ich erst heute morgen hundemüde die Auswertung des Examens machen kann. Mit über 70 % habe ich bestanden. Eine solide drei – so hatte es sich während der Prüfung definitiv nicht angefühlt.

Wünscht mir Glück für das Mündliche, bald bin ich Arzt!

3 thoughts on “Post-Hammerexamen – Impressionen

  1. Ivo

    Schöne Kreuzfahrt wars, ich hoffe ich bin nicht aufgelaufen;)

  2. Maximilian Batz

    Auswertung der Examensergebnisse hier:

    http://www.mlmr.de/medizinstudium/auswertung/#content

  3. Stephie

    Daumen hoch! 😉

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