Vier Stunden Chaos oder wie schreibe ich eine gute Epikrise?

Kurz zu meinen Eindrücken heute zur Epikrise: wir waren alle furchtbar nervös, die nette Sekretärin unseres Prüfungsvorsitzenden hat sich aber sehr herzlich um uns gekümmert. Drei von uns hatten Patientinnen auf der gleichen Station, eine auf einer anderen Station. Unser Prüfungsvorsitzender wollte um 9:00 vorbeikommen, hat es aber nicht geschafft. Also auf zur Station!

Auf Station – eine sehr schicke Privatstation in Großhadern – fragten wir drei nach den Ärzten. Ach so, wir wären die Studenten? Wir würden schon im OP erwartet. Nachdem das Missverständnis beseitigt war (nein, wir sind Prüfungskandidaten), wurden wir gebeten in der “Lounge” Platz zu nehmen, die Ärzte kämen gleich.

Eine sehr nette Stationsärztin, die sich uns mit Vornamen vorstellte nahm uns dann ins schicke Arztzimmer mit (schick, aber klein und unpraktisch: die Monitore stehen am Rand, und es ist wenig Arbeitsfläche). Sie fing uns dreien dann an, nacheinander über die verschiedenen Patienten zusammenfassend zu erzählen, als plötzlich die Tür aufging und unser Prüfungsvorsitzender reinkam.

Er begrüßte uns drei, und fragte ob wir noch etwas von ihm wissen wollten. Anschließend meinte er, dass wir uns die Fälle selber erarbeiten sollten, und es ihm auch lieb wäre wenn wir getrennt voneinander schreiben würden, also in verschiedenen Zimmern.

Nachdem er wieder weg war, hat uns die nette Ärztin aber trotzdem noch ein paar Sachen  erzählt, uns die Akten und Kurven gegeben. Und gesagt, dass sie erstmal auf Visite geht, für Fragen aber jederzeit da ist. Coole Menschen, danke dass es euch gibt!!

Die Arbeit ging los. Man hatte zu diesem Zeitpunkt noch das Gefühl, sehr viel Zeit zu haben, unsere Deadline war 13:00.

Ich fing also an die Kurve ein bisschen durchzulesen, und kopierte dann die relevanten Blätter daraus, da die Schwestern die Kurven bald wieder zurückhaben wollten. Ich las dann ein bisschen, überflugsweise, in der Akte – um zu wissen wonach ich gezielt fragen sollte, und was ich gezielt untersuchen sollte. Mein Tipp: kommt früh in die Gänge, möglichst gegen 10:00 oder früher. Die Zeit ist beim Schreiben wichtig!!

Erst um 10:30 ging ich zu der Patientin, und fing mit meiner Anamnese an. Die ärmste hatte eine Menge mitgemacht, und ich bemühte mich einfühlsam auf sie einzugehen, und empfindliche Gebiete zu meiden. Wir wurden aber immer wieder unterbrochen – mal kam die Putzfrau herein, um zu wischen, dann kam wiederum die nette Ärztin und nahm Blut ab. Sie hatte auch eine Nachricht: noch am selben Tag sollte die Patientin auf eine andere Station verlegt werden (wegen einer Durchblutungs-Problematik mit dem Fuß). Ich war noch mitten in der körperlichen Untersuchung, die sich auch recht chaotisch gestaltet hatte, als eine zickige Krankenschwester hereinkam (vielleicht hatte es ihr nicht gefallen, dass ich sie geduzt hatte?), die sagte dass “das Wohl des Patienten über die Prüfung geht”. Ich solle mich beeilen, und schnell fertig werden. Eine Stationsassistentin die mit ihr gekommen war, erhielt die Anweisung die Sachen der Patientin einzupacken. Das in dieser Atmosphäre des Zeitdrucks, ständig reinkommenden und anwesenden Personen eine gute körperliche Untersuchung durchzuführen schwierig ist, versteht sich. Zudem die Patientin auch noch nicht so kräftig war, und ich sie nicht belasten wollte, und daher z.B. die Lungenauskultation nicht lege artis sondern eher lege inventibus durchgeführt habe. Die Mamma auszutasten habe ich mich nicht getraut, obwohl es evtl. von mir erwartet wird. Auch andere Dinge habe ich nicht oder nur oberflächlich gemacht. Die poplitea pulse stehen bei mir als tastbar drin, ich habe aber im Stress NICHTS tasten können.

Der Zeitdruck hier hatte aber auch sein gutes!!! Trotz zu Hause vorgefertigtem Muster (also den Überschriften der Epikrise), blieb mir nur noch sehr sehr wenig Zeit zum Schreiben. Ich habe diese Zeit total unterschätzt.

Um 11:30 war ich mit der Patientin fertig. Allerdings habe ich danach bis 12:00 aus der Akte kopiert. Völlig unnötig!! Mein Tipp: kopiert nicht, sondern nutzt die Akte, so wie sie ist. Diese halbe Stunde wird euch später wirklich fehlen.

Ich fing Kaffee-trinkend an, relativ gemütlich, aber doch konzentriert, zusammenzuschreiben, habe auch zugegeben ein ganz kleines bisschen mit der Stationsärztin geratscht (ich war in dem Arztzimmer zum Schreiben). Man sollte natürlich nicht in Hektik verfallen, aber … auf die Zeit achten.

Auch hier der Tipp: nehmt euren eigenen Laptop, und USB Stick mit! Stellt sicher dass Laptop und Stick funktionieren, und ihr das Netzteil vom Lappie dabeihabt. Macht euch eine rohe Vorlage, die ihr dann einfüllt. Ihr könnt euch wirklich zeitmäßig nicht leisten, dass ihr nicht am Rechner arbeiten könnt wenn die Ärzte etwas nachschauen oder dgl. Nehmt Ohrstöpsel mit, damit ihr ruhiger arbeiten könnt. Nehmt was zum Essen mit. Der Hunger lenkt ab.

Kurz vor 13:00 war ich immer noch mittendrin. Alle Mitprüflinge übringens auch. Wir waren alle mehr oder weniger gestresst und in Panik, und hatten das Gefühl nie fertig zu werden. Ich rief die Sekretärin des Prüfungsvorsitzenden an, und sie meinte dass die andere von uns auch schon angerufen hätte. Eine halbe Stunde konnte ich mit ihr aushandeln.

Doch diese halbe Stunde reichte auch nicht. Meine Patientin hatte eine sehr komplexe Geschichte, viele Untersuchungen, etc. Kurz vor Ende habe ich dann massiv an der Qualität gespart, und den Verlauf der Patientengeschichte mehr oder weniger frei improvisiert zusammengekürzt. Definitiv nicht auf normalem Arztbriefniveau, aber ich hatte keine Zeit mehr! Die nette Stationsärztin diktierte mir noch schnell die Medikamente herunter, ich druckte das Dokument auf der Station aus, dann sprinteten eine weitere Prüfungs-Kollegin die auf mich gewartet hatte und ich zur Sekretärin los. Diese goldige Seele war sehr geduldig mit uns, obwohl wir schon um fast eine dreiviertelstunde überzogen hatten. Sie liess die anderen noch ein bisschen korrigieren, während ich versuchte sie durch Gespräche abzulenken.

Schließlich war alles gedruckt und unterschrieben. Keiner von uns hatte ein gutes Gefühl (außer der Sekretärin Zwinkerndes Smiley). Allen war die Zeit zu knapp gewesen. Wichtige Befunde waren nicht gleich aufzutreiben, vieles musste weggelassen werden.

Manches wollte man auch weglassen, um nicht darüber befragt zu werden. Aber es kam darauf die Unsicherheit hoch – und was, wenn die Prüfer die Akten durchlesen? Egal. Man hatte geschrieben was man geschrieben hatte, und abgegeben.

Ich hätte mit zwei – drei Stunden mehr definitiv noch viel mehr herausholen können. Aber die hat man eben nicht.

Und Gott sei Dank ist heute Freitag, nicht Prüfungstag. Ich kann von dem Adrenalinhoch wieder ein bisschen herunterkommen, und mich jetzt dann auf die Vorbereitung auf Montag konzentrieren. Es wäre der reinste Horror jetzt noch eine Prüfung mitmachen zu müssen … mit kaum einer Pause.

So viel für heute. Ich melde mich dann wahrscheinlich am Dienstag wieder …

5 thoughts on “Vier Stunden Chaos oder wie schreibe ich eine gute Epikrise?

  1. Übrigens würde ich auch noch für die Stationsärzte ein kleines Dankeschön mitbringen.

  2. Der Kuchenmann

    Sag mal Max, kann man nich einfach mal normal sein, und das alles nich so wichtig nehmen?? Diese ganzen sozialunterbelichteten in diesem Studium…. einfach mal nen Gang runterschalten, ne Runde chillen, leben, etwas anderes außer Medizin machen und mal einfach normal sein… Warum gibt es nur so viele in unserem Studium, bei denen die Adoleszenz bis zum 40ten Lebensjahr hinausgezögert ist…und dann wird einer wie Du auch noch Arzt, wahrscheinlich auch noch Gynäkologe…. ich bin für die Einführung eines Tests der sozialen Kompetenz!

  3. Finch

    Es gibt wirklich Menschen, denen anscheinend nichts zu peinlich ist; der totale Offenbarungseid.

    Max, du hast hier abermals den Beweis deiner Inkompetenz in sozialer, medizinischer und kommunikativer Hinsicht erbracht. Gratulation! (Behalte doch in Zukunft für dich, was in deinem Innersten an Unzulänglichkeiten schlummert.)

  4. Das ganze (die beiden Einträge unter diesem) geht zurück auf einen Facebook Post von mir. Ich postete bei Kartenknappheit in etwa dass ich finde, dass an diesem besonderen Tag die Familie und Freunde einfach dazugehören. 

    Übrigens zensiert die Synapse nicht. Wir bevorzugen aber einen kultivierten und sachlichen Stil, und persönliche Kritik unter vier Augen.

    – Max

  5. Übrigens wurden die Epikrisen während der Prüfung nicht negativ kommentiert, und wir waren nicht bei den Patienten zur körperlichen Untersuchung (es ist aber wohl eher die Ausnahme). 

    Auf manche Ungereimtheiten wird man dann doch angesprochen, z.B. hatte ich „transvaginale Myomenukliation“ geschrieben, aber dann während des Vortrages „laparaskopische Myomenukliation“ gesagt. Das wurde von dem Urologen aufgegriffen; allerdings wird so manch anderes was man reinschreibt nicht moniert (z.B. hatte ich bei den Medikamenten Tazobac, hatte aber den Harnwegsinfekt weggelassen – ich wollte nicht darüber geprüft werden 🙂 )

    Und schließlich noch ein Tipp für den Vortrag: ich habe erstmalig selber die Loci – Methode ausprobiert, und es hat gut geklappt. Man assoziiert dabei einzelne, aufeinanderfolgende Teile des Vortrages, mit einem Weg den man gut kennt. Bei mir zum Beispiel der Anfahrtsweg von zu Hause zum Odeonsplatz. Man kann dann Gegenstände an den einzelnen Wegpunkten mit wichtigen Vortragspunkten verknüpfen. Bspw. der Stempelautomat am U-Bahnhof stellt dann eine Dialysemaschine dar, der Zeuge Jehovas am Eingang („das Ende ist nahe!“) eine Endokarditis usw. usf. Natürlich muss man den Vortrag trotzdem ein paar mal üben, bis er flüssig läuft, am besten mit dem Diktiergerät. Papier ist eben was anderes als sprechen!

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