Arzt vs. Familie – das Facharztduell

Manchmal ist man im Leben nostalgisch. Man denkt zurück an das erste Semester. An die ersten Veranstaltungen, die man dort besuchte und seniert über die naiven Gedankengänge, die man damals noch hegte. Meine aller erste Veranstaltung war: „Das Praktikum der Berufsfelderkundung“, welches im Prinzip daraus bestand, sich Vorträge von arbeitenden Ärzten anzuhören. Im Speziellen blieb mir die Präsentation einer Oberärztin, die in der Pädiatrie arbeitete, besonders in Erinnerung. Damals sagte sie mit eigenen Worten, dass sie nicht Oberärztin geworden wäre, wenn sie Kinder bekommen hätte. Eine Karriere in der Medizin und Familie sei nur möglich, wenn man bereits im Studium schwanger werden würde. Ein Raunen ging durch die Menge. Vermutlich hatte vorher kaum jemand über die Unvereinbarkeit von Karriere und Familie im ärztlichen Berufsfeld nachgedacht. Ich auch nicht.

Facharztduell

Gestern, am 15.Januar 2015, fand in dem Gebäude der Physiologie ein Facharztduell statt, das genau diesen Themenkomplex anschneiden sollte.

Kann ein erfolgreicher Arzt Familie und Kinder haben?

Das Ergebniss der Diskussion war sehr ernüchternd. Keiner der geladenen Ärzte, verbrachte täglich mehr als 1-2 Stunden Zeit mit seinen Kindern. Außerdem besetzen nur sehr wenige Frauen leitende Positionen, obwohl sie im Studium eher die Mehrzahl bilden.

Allerdings scheint es unter Umständen doch möglich zu sein Familie und Karriere zu kombinieren, wie eine der Duellantinnen unter Beweis stellte. Dr. med. Sandra Sommerey, die in der Viszeralchirurgie arbeitet, ist nach eigenen Aussagen die erste Ärztin seit 20 Jahren in der Chirurgie des Klinikums, deren Arbeitsvertrag verlängert wurde, nachdem sie Kinder bekommen hatte .Dabei war es auch noch sehr problematisch Unterstützung vom Ehemann zu erhalten, der ebenfalls praktizierender Arzt ist. Obwohl ihrem Mann gedroht worden war, dass er kein Oberarzt werde, wenn er Elternzeit nehme, schaffte er es später dennoch die Karriereleiter ein weiteres Stück hinauf zu klettern, nachdem er dieses Angebot in Anspruch genommen hatte. Die Funktionsoberärztin bedauerte jedoch, dass es nicht möglich sei weniger Stunden zu arbeiten. Als sie eine Rückstufung beantragt hatte musste sie so viele Überstunden machen, dass sie letztlich wieder wie Vollzeit arbeitete.

Die Anästhesie gehört zu den wenigen Disziplinen, in der es, überspitzt formuliert, nicht verpönt ist Kinder zu haben. PD Dr. med. Dr. rer. phys. Simone Kreth, die beindruckenderweise Biochemie und Medizin geleichzeitig studiert hat, ist Leiterin des Forschungslabors, Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie und kann sich stolz Mutter von drei Kindern nennen. Ihrer Meinung nach, sei es sehr anstrengend Kinder zu bekommen, da man viel opfern müsste. Letztlich sei es jedoch eine persönliche Entscheidung. Ihr Mann ist Neurochirurg, der in der Hinsicht auf das Sich-um-seine-Kinder -kümmern, mehr Gegenwind erfahren muss. Auf seiner Station würden Sätze fallen, wie: „Was? Du willst nach Hause, weil dein Kind krank ist? Du hast doch eine Frau?“. Insgesamt scheint dies leider keine Seltenheit zu sein. Offensichtlich stößt man auf Unverständnis, wenn man sich um seine Kinder sorgt.

Vielleicht ist es möglich Kind und Karriere zu haben, aber man kann seinem Sprössling kaum die Aufmerksamkeit schenken, die er verdient hätte.

Dieser Meinung ist auch der Assistenzarzt, Dr. med. Philip von der Borch, der wie seine Frau Vollzeit in der Inneren Medizin arbeitet. Er ist sich bewusst, dass diese Konstellation mit seinem 16 Monate alten Kind nicht mehr lange funktionieren wird. Er könne sich vorstellen, für seinen Nachwuchs kürzer zu treten, weil es sein Sohn wert sei. Überraschenderweise wäre der Assistenzarzt zur Zeit sogar in Elternzeit, jedoch muss er, damit er zur Facharztprüfung antreten darf, ausreichend Endoskopien und Gastroskopien, „sammeln“. Diese werden nur gewertet, wenn sie außerhalb der regulären Arbeitszeit absolviert werden.

Der letzte im Bunde (abgesehen vom Moderator) war Prof. Dr. Jörg Schelling, Facharzt für Allgemeinmedizin und Kommissarischer Direktor für Allgemeinmedizin. Er arbeitet etwa 55 Stunden pro Woche und beschreibt seine Familienverhältnisse als das „klassische“ Modell. Seine Frau kümmert sich um die Kinder, während er diese kaum sieht, wenn er arbeitet. Jedoch versucht er dieses Versäumnis durch Familienurlaube auszugleichen. Dennoch empfiehlt er die Allgemeinmedizin, wenn man Kinder bekommen möchte. Dort sei es möglich auch etwas weniger zu arbeiten. Außerdem könne man sich in einer Gemeinschaftspraxis mit den Kollegen absprechen, die in der Regel Verständnis zeigen.

Es wäre sicher noch interessant gewesen, wenn man eine Medizinstudentin eingeladen hätte, die im Studium Kinder bekommen hat. Letztlich scheint es fast immer so zu sein, wie die Oberärztin aus der Pädiatrie damals sagte.

 Julia M. E. und Leah Schembs

mehr Informationen zum aktuellen Facharztduell findet Ihr unter: https://www.mecum-mentor.de/aktuellesduell.html

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