Von der Kunst zu leben

Angelehnt an den Film „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ (2014), welchen das M(odul)23-Kino der Medizinischen Fakultät der LMU im Wintersemester 2015/2016 zeigte.

Mit Elizabeth Bishops Zitat „Die Kunst des Verlierens studiert man täglich. So vieles scheint bloß geschaffen, um verloren zu gehen und so ist sein Verlust nicht unerträglich.“ beginnt Alice Howland ihre Rede auf einer Veranstaltung für an Alzheimer Erkrankte. Sie selbst leidet mit Anfang 50 an einer früheinsetzenden Form dieser Krankheit. Als anerkannte Linguistin trifft es sie umso härter, nach Worten suchen zu müssen, einfache Fragen über sich selbst und ihre Familie nicht mehr beantworten zu können, Menschen zu vergessen, Orte, Erlebnisse, Erinnerungen.

Still Alice

Erinnerungen scheinen zu ihren wertvollsten Besitztümern geworden zu sein. Sie nennt den Abend, an dem sie ihren Mann kennenlernte, das erste Mal, als sie ihr selbst verfasstes Lehrbuch in den Händen hielt, ihre Kinder, Freundschaften, die sie geschlossen, Reisen, die sie gemacht hat. Für den Philosophen und Staatsmann Seneca, auch bekannt als Seneca der Jüngere, war nicht die Erinnerung, sondern die Zeit, das größte Gut des Menschen. Ohne sie besteht nicht die Möglichkeit, Großes und Gutes zu schaffen und zu „leben“. Er ist der Meinung, dass viele Menschen ihr Leben als zu kurz empfinden, da sie ihre Lebenszeit mit falschen Dingen wie Nachlässigkeit, Nichtstun oder Nebensächlichem verbringen würden. Sie vergeuden ihr Leben mit „tempus“ – der Zeit als ungenutztem Dasein. Die Menschen, die wirklich leben, füllen ihr Leben mit „vita“ (lat. Leben) aus und haben die Möglichkeit, größte Taten zu vollbringen. Ihr Leben ist lang, da sie es mit Inhalt und Essentiellem füllen und nicht, weil sie zeitlich gesehen lange da sind. Für alle besteht das Erfordernis, sich der eigenen Vergänglichkeit stets bewusst zu sein, jeden zur Verfügung stehenden Tag wertzuschätzen und nichts auf einen nächsten zu verschieben. Alice Howland beschreibt in ihrer Rede Dinge, die sie ängstigen und Begebenheiten, die ihren Wunsch zu leben bestärken. So gäbe es Menschen, die sie liebt, so vieles, was sie noch erleben möchte und im Laufe eines Tages immer noch Augenblicke, die sie mit Glück und Freude erfüllen. Sie bekräftigt, dass sie darunter nicht leiden, sondern kämpfen müsse, um an den Dingen immer noch teilhaben zu können.

Dass Kämpfen von unabdingbarer Notwendigkeit ist, betonte Bertold Brecht einst mit folgenden Worten: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Kämpfen und niemals aufgeben, lautet also Alice‘ selbst auferlegtes Motto, den Augenblick leben, um möglichst – wie sie es bezeichnet – der Mensch zu bleiben, der sie einst war. Neben Seneca und Brecht entwarfen viele Andere weitere Lebenseinstellungen. Henry David Thoreau beschreibt in seinem Roman „Walden“ beispielsweise eine Möglichkeit, sich mit den wesentlichsten Dingen des Lebens zu befassen: „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben […]. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen.“ All diesen Haltungen liegt der Gedanke zugrunde, sich mit den wirklich relevanten Dingen zu beschäftigen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, den Tag zu nützen. Alice‘ Möglichkeiten sind begrenzt. Immer mehr kann sie sich nicht mehr ihrer Krankheit entziehen. Aus Selbstbestimmtheit wird ein Sich-Beugen-Müssen, ein Akzeptieren und irgendwann ein Annehmen. Das bedeutet aber nicht, stehen zu bleiben, still zu stehen oder nichts mehr zu tun. Sie äußert den Wunsch, zumindest zu versuchen, Erinnerungen festzuhalten. Alles, was sie sich im Leben erworben hat, alles, wofür sie hart hat arbeiten müssen, wird ihr von der Krankheit – wie sie es formuliert – auf brutale Weise entrissen. Vielleicht gibt es aber auch die traurigen Dinge im Leben, um die glücklichen Momente, die Lichtblicke als kostbar achten zu lernen. Wäre alles immer großartig, so würde es seine Bedeutung verlieren, Alltägliches werden. In seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt Hermann Hesse es folgendermaßen: „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.“ Somit lautet sein Aufruf: „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ Elizabeth Bishop ist der Meinung, dass wir die Kunst des Verlierens täglich studieren. Auch wenn der Mensch Verlorenes vermisst, es ihm unerträglich erscheinen mag, Geliebtes zu verlieren, sei nichts davon unerträglich. Vielleicht hat sie ja Recht. Ist nicht von größerer Bedeutung, geliebt, erlebt, Menschen begegnet, gelernt, vor allem gelebt zu haben – als die Erinnerung an all dies vergessen zu haben? Unerträglich wäre es für Alice möglicherweise gewesen, wenn sie ihren Mann nie getroffen, nie ein Buch veröffentlicht, nie gereist, keine Freundschaften geschlossen, keine Kinder bekommen hätte. Sie hat gelebt. Dies war auch der Grund für Henry David Thoreau in „Walden“, ein möglichst intensives, auf das Wesentliche konzentrierte Leben zu führen, „damit [er] nicht in der Todesstunde innewürde, dass [er] gar nicht gelebt hatte.“

Der Film „Still Alice“ verzichtet darauf, das Endstadium von Alzheimer – die komplette Hilfsbedürftigkeit in allen Lebenslagen – zu zeigen. Er endet damit, dass eine ihrer Töchter ihr etwas vorliest und sie danach fragt, wovon es gehandelt habe. Mit Mühe und nach einigen Augenblicken antwortet Alice mit nur einem Wort: Liebe. Nicht die Zeit oder Erinnerungen sind das Wichtigste im Leben, sondern die Liebe zu den Dingen, die in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft liegen, die Liebe zu den Menschen, aber vor allem: die Liebe zum Leben.

Von Noa Niemann

One thought on “Von der Kunst zu leben

  1. By the way

    Photo was shot by Katharina Korth. 🙂

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