„Django Unchained“ – Faszination der „guten“ Gewalt?

Am 21. Dezember 2014 wurde der Film „Django Unchained“ (2012) im Filmmuseum München im Rahmen der Reihe „Film und Psychoanalyse“ gezeigt. Eingeführt und kommentiert wurde er von der Psychoanalytikerin Irmgard Nagel und dem Psychoanalytiker Matthias Baumgart. Man interpretierte – auch in der anschließenden Diskussion – diesen Film selbst-, film- und psychoanalytisch, vor allem unter dem Aspekt der Gewalt.

 

Worum es geht.

Angesiedelt in den Südstaaten, kurz vor dem Bürgerkrieg, erzählt „Django Unchained“ die Geschichte des Sklaven Django (Jamie Foxx). Der deutschstämmige Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz), ein vermeintlicher Zahnarzt, kauft ihn und gibt ihn wie versprochen frei, nachdem er mit seiner Unterstützung ein Banditentrio – die Brittle-Brüder – zur Strecke gebracht hat. Schultz ist von Django und seiner Treue zu seiner Frau „Brunhilde“ (Kerry Washington) fasziniert. So macht er ihn zu seinem Partner und beschließt, ihm zu helfen, diese aus den Händen des skrupellosen Sklavenhändlers Calvin Candy (Leonardo DiCaprio) wiederzugewinnen – dem berüchtigten und brutalen Besitzer der „Candyland“-Plantage. Dabei wecken sie das Misstrauen von Stephen (Samuel L. Jackson), Candys treuem Haussklaven … Es ist sicherlich nicht überraschend, dass in dem Film viele – „Gute“ wie „Böse“ – sterben, ermordet, erschossen oder misshandelt werden.

 

Unmittelbare Eindrücke nach dem Film.

Nach Betrachtung des Films fragt Matthias Baumgart in die Runde: „Hat es Spaß gemacht, den Film anzuschauen? Was hat Sie lachen lassen? Oder fanden Sie den Film vielleicht grottenschlecht?“ Eine Zuschauerin weist darauf hin, dass das Recht auf Selbstverteidigung in den USA alte Wurzeln habe, die auch in diesem Film zelebriert und verherrlicht werden würden. Für sie handele es sich hier um eine „Rache-Geschichte“, bei der man sich fragen muss, wer Täter, wer Opfer ist. Ein anderer Betrachter findet den Film lustig, beeindruckend und war zeitweise in einem Art Rauschzustand. Doch ging es ihm dabei letztlich nicht gut, da er eigentlich nicht auf die zahlreichen Gewaltszenen „abfahren“ wollte, aber irgendwie nicht anders konnte – dies verunsicherte ihn sehr stark. Ein weiterer Beitrag hebt hervor, dass der Film gut gefallen habe, man jedoch bei einigen Szenen gezwungen war, wegzusehen. Aber dies sei halt Kino. Denn hier könne man den Guten vertrauen und denen, die der richtigen Sache zum Recht verhelfen. In der realen Welt gäbe es so viel Grausamkeit, doch da wisse man nie, wie sie endet. Auf die Frage, was die „richtige Sache“ sei, kommt die Antwort: natürlich die Seite der Unterdrückten! Der Film zeige die Zeit von damals sehr realistisch – beispielsweise mit dem Gesetz „Dead or Alive“, das bei der Kopfgeldjagd gelte. Ein anderer Teilnehmer der Runde fragt sich: „Habe ich gelacht? Ja!“ Aber es sei ihm im Halse steckengeblieben. Das hier gezeigte Genre sei vielfältig: Von Actionthriller, Komödie zu Märchenhaftem. Immer hätten wir den Film aber bestimmt nicht lustig gefunden, zum Beispiel, als man hörte, wie Knochen gebrochen wurden und Menschen sah, die von Hunden zerfleischt wurden. Damit nehme uns Tarantino Sicherheit. Der Film sei daher nur einem Genre wirklich zuzuordnen, dem „Tarantino-Film-Genre“. Soweit die ersten emotionalen Reaktionen.

 

Selbst-, film- und psychoanalytische Interpretation durch Matthias Baumgart.

„Django Unchained“ als „Gestalttherapeut”.

Oft werde hier gesagt, beginnt Matthias Baumgart, dass Filme die Rolle eines Psychoanalytikers spielen könnten, der zur Reflexion über das eigene Innenleben anregt. Hier mag das eher weniger zutreffen, fährt er fort, dieser Film sei eher eine Art „Gestalttherapeut“ – nach dem Motto: „Lass es raus! Es ist in Dir! Es ist ok!“ – was aber nicht der Haltung der Psychoanalyse entspreche. Schon zu Beginn zieht der Film den Betrachter oder die Betrachterin in seinen Bann. So fühlt man fast körperlich – durch die Inszenierung der Kälte, die zitternden Sklaven, unter denen sich Django befindet, und ihren Gang in Fußketten – die bedrohliche und hilflose Situation und beginnt die Sklavenhalter zu hassen. Das Hauptthema des Filmes sei es, die Grausamkeiten der Unterdrücker darzustellen, Mitgefühl mit den Unterdrückten hervorzurufen und – wie es Baumgart formuliert – eine Art „Bewältigungsmöglichkeit“ erlittener traumatischer Gewalt zu bieten. Denn der Zuschauer oder die Zuschauerin wird immer nach wenigen Minuten voller Anspannung „erlöst“, auch in dieser Szene: Dr. Schultz erscheint, möchte Django kaufen, provoziert die Sklavenhändler und überzeugt – so Baumgart – nicht nur auf sprachlicher, sondern auch auf revolvertechnischer Ebene (er erschießt diese bzw. schießt sie nieder). Nicht ein Funke Mitleid, das man eben noch für die Sklaven hatte, steigt auf, so Baumgart, da man von der Tat beeindruckt und gleichzeitig erleichtert ist. Der Film suggeriert, stellt Baumgart fest, dass das Leiden der „Bösen“ nicht ernst zu nehmen ist. Es sei irrelevant – nur das Leiden der „Guten“, der Opfer, sei schrecklich, beklemmend und somit relevant. Aufgrund der raschen, atemlosen Aneinanderreihung der Szenen rutschen hinterfragende Gedanken in den Hintergrund. Das Szenenende weist eine „Umkehrung der Verhältnisse“, wie es Baumgart bezeichnet, auf: die Sklavenhändler sind die Hilflosen, die eben noch hilflosen Sklaven erscheinen frei und wirken mächtig.

„Django Unchained“ zur Traumabewältigung?

Ein weiteres Beispiel für diese Umkehrung bietet Dr. Schultz‘ und Djangos kurzer Aufenthalt auf der Farm, auf die sich die Brittle-Brüder (John, Ellis und Roger) zurückgezogen haben. Als eine junge Sklavin von eben genannten ausgepeitscht werden soll, erinnert sich Django daran, wie Selbiges einst seiner Frau „Hildi“ durch diese widerfahren ist. Damals flehte er, dass er an ihrer Stelle misshandelt werde: „I’s on my knees, John.“ Worauf John antwortete: „I like the way you beg, boy.“ Durch das dargestellte Leid seiner Frau erstarrt man. Auch fühlt man mit der jungen verzweifelten Sklavin mit. Nachdem sie wie ein Stück Fleisch auf dem Boden entlang gezogen, dann an einen Baum gefesselt worden ist, wird sie von einer Peitsche bedroht. Matthias Baumgart stellt fest, dass man erleichtert ist, wenn Django einschreitet. Dieser tötet die Brüder und wandelt dabei Johns einstmalige Antwort in ein – wie es Baumgart formuliert – kompensierendes „I like the way you die, boy!“ um. Baumgart fragt, was dies nun mit Traumabewältigung zu tun hat. Er fasst zusammen: „Gewalttrauma lösen einen schweren Schaden im Erlebnisraum eines Betroffenen aus. Oft genug wird die erlebte Entmenschlichung zum Selbstgefühl, der erlebte Horror zum ständigen inneren Begleiter. Einer von vielen Begriffen, die es dafür gibt, sagt, es käme zu einer ‚Perforation‘ der Persönlichkeit. Die Betroffenen suchen verzweifelt nach irgendeiner Möglichkeit, das Erlebte wieder von sich weg, nach außen zu bringen. Besonders bei kollektiven Traumatisierungen kommt es dann zu Racheakten, in denen die jeweils anderen in die minderwertige, entmenschlichte und terrorisierte Position gebracht werden. Es gibt kein Mitgefühl, unter anderem auch deshalb, um jede emotionale Erinnerung an den traumatisierten Zustand zu vermeiden.“ Baumgart glaubt, dass die Handlungsverläufe in „Django Unchained“ genau diese Mechanismen im Betrachter oder der Betrachterin mobilisieren: bereits die filmische Teilhabe – so formuliert es Baumgart – an den Grausamkeiten lässt den Wunsch entstehen, die Verhältnisse umzukehren. Dieser wird durch die darauffolgenden Racheakte und Gewaltszenen erfüllt. Baumgart betont jedoch, dass dies keine Kritik am Film, sondern vor allem an seiner persönlichen Reaktion auf das Gezeigte sei. Er stellt fest, dass blutrünstige Impulse leicht zu wecken sind. Dies zeigt, wie dünn die Kulturschicht auch in der heutigen Zivilisation teilweise ist, wie sehr und wie schnell wir folglich zu Rachegefühlen neigen können.

Ein Moment zur Reflektion – die „Erziehungsszene“.

Der Film bietet wahrscheinlich nur einen wirklichen Moment, um über das Gezeigte, Gehörte und Mitgelittene zu reflektieren: die „Erziehungsszene“ – als welche sie von Baumgart bezeichnet wird. In dieser erschießt Django, zunächst zögernd, den Verbrecher Smitty Bacall in der Anwesenheit seines Sohnes. Dies verdeutlicht, dass auch Gewalt gegen das „Böse“ Leid für deren Familien bedeutet (hier: der Sohn hat keinen Vater mehr). Diese Filmstelle, hebt Baumgart hervor, handelt deshalb explizit von dem Thema der diesjährigen Filmreihe: Wann ist „gute“ Gewalt gut?

 

Der „schwarze Siegfried“ überlebt und reitet mit seiner Brunhilde davon.

Eine Zuhörerin beschäftigt sich mit der Frage, warum Django am Ende mit seinem Pferd einen Zirkustanz aufführe. Dies hätte für sie alles zerstört. Die Antworten fallen vielfältig aus: dies untermauere die Komik, damit man den Kinosaal auch mit einem guten Gefühl verlassen könne. Es zeige die Ambivalenz von Gutem und Bösen und ließe uns selbst fragen, ob alle Gefühle – die lustigen, mitfühlenden oder auch blutrünstigen – vom Film gemacht sind. Es stelle symbolisch den „Black Pride“ dar: „Ich bin cool. Ich bin ‚schwarz‘. Ich trage das Outfit des besiegten Candy so wie Siegfried sich im Blut des besiegten Drachens badete. Ich reite als Sieger davon.“ Oder es ist eine Hommage an den getöteten Dr. Schultz – Candys Schwester fragte diesen bei dem gemeinsamen Essen nach dem (deutschen) Theatervolk bzw. Zirkus aufgrund seiner Herkunft.

 

Wann ist „gute“ Gewalt gut? Ein persönliches Statement.

Kann Gewalt überhaupt „gut“ sein? Gandhi sagte einst, dass Aug‘ um Aug‘ nur dazu führe, dass die ganze Welt erblinde. Gewalt – hier hervorgehoben die körperliche Gewalt – bedeutet, andere zu verletzen, deren Freiheit einzuschränken, gleichgültig gegenüber ihren Rechten – wie Gesundheit und Leben –, Wünschen und Bedürfnissen zu sein. Es bedeutet auch, dass man „erblindet“, nicht mehr das „Gute“ in seinen Mitmenschen, das „Gute“ in der Welt sieht. Gandhi war auch der Meinung, dass es keinen Weg zum Frieden gebe, denn Frieden sei der Weg. Das heißt, wenn man in Frieden – also gewaltfrei, in Einklang mit der Natur, seinen Mitmenschen und seinen Überzeugungen – leben will, darf niemals Gewalt dafür aufgewendet werden. Denn Gewalt bedeutet immer etwas Nicht-Friedliches, Nicht-Wünschenswertes. Aber man könnte auch mit folgendem Zitat von Brecht argumentieren: wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Natürlich gibt es den wünschenswerten, gewaltlosen, „non-violent“ Widerstand. Doch manchmal ist der „Gegner“ zu mächtig, nicht umzustimmen, nicht kompromissbereit, nicht bereit, zu verstehen. Da mag es dem Einen oder der Anderen vielleicht einleuchten oder logisch erscheinen, dass Gewalt eine Möglichkeit ist, seinen Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen. In „Django Unchained“ werden derartige Grausamkeiten erlitten und gezeigt, dass man sich als Zuschauerin oder Zuschauer sehnlichst wünscht, die Unterdrücker und Täter hörten auf, würden „bestraft“ werden. Man fühlt sich „erlöst“, wenn Django oder Dr. Schultz zu Rächern werden, das Leid beenden. Doch darf man nie vergessen, dass hinter den Begriffen „Unterdrücker“, „Täter“ oder „Verbrecher“ auch Menschen stehen.  Auch wenn diese nicht die Rechte, Ideale und Bedürfnisse ihrer „Opfer“ achten, bleiben auch sie Menschen mit Wünschen, Rechten und mit Familien. In der „Erziehungsszene“ verliert ein Sohn seinen Vater, einen gesuchten Verbrecher. War es also im Sinne von Django und Dr. Schultz „Recht“, ihn zu erschießen? Es werden immer verschiedene Weltbilder, verschiedene Verständnisse von Recht aufeinandertreffen. Wie es für „gut“ zu viele und niemals von jedem Menschen anerkannte Definitionen gibt, so unterscheiden sich auch die Vorstellungen darüber, wann Gewalt „Recht“ ist. Schwer wird es sein, die Frage zu beantworten, wann Gewalt „gut“ ist. Und noch schwieriger, wann „gute“ Gewalt „gut“ ist.

 

von Noa Niemann

(erschienen im SoSe 2015, Ausgabe 62)

Hier geht’s zur vollständigen Ausgabe 62 des Sommersemesters 2015.

Hier geht’s zum Trailer von „Django Unchained“.

[Bild: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0) Credit: Mati Hoffer , https://www.flickr.com/photos/matihoffer/8479859191]