M23-Kino: Der Arzt, der um die Ecke denkt

Der „deutsche Dr. House“ zu Gast in München.

Am 7. Juni zeigte das M23-Kino den Film „Der Arzt, der um die Ecke denkt“, auf den eine Diskussion mit Selbigem folgte. Bei diesem Film handelt es sich um eine Dokumentation der Reihe „Menschen hautnah“ des WDR, deren Thema das besondere Team von Ärzten um Prof. Dr. Schäfer aus Marburg ist. Dieses Team beschäftigt sich vor allem mit der Diagnose seltener Erkrankungen.

Wenn Patienten oder Patientinnen lange Zeit keine Diagnose erhalten, werden sie oft als psychosomatisch krank eingestuft. Jedoch leiden viele dieser Patienten an seltenen Krankheiten. Krankheiten, die weniger als fünf Mal unter 10 000 vorkommen, gelten als selten. Derartige sieht ein Hausarzt etwa einmal pro Jahr. Von solchen Erkrankungen gibt es jedoch so viele verschiedene, dass geschätzt vier Millionen Menschen in Deutschland solche Erkrankungen haben. Sie leiden vor allem daran, dass trotz oder wegen einer langen Krankengeschichte kein Arzt und keine Ärztin mehr an eine organische Ursache glaubt – psychosomatische Erkrankung lautet dann oft die Diagnose. Vor allem auch deshalb, so erzählt er in der anschließenden Diskussionsrunde, weil man die Diagnose „unklare Bauchschmerzen“ nicht abrechnen könne.

Als „deutscher Dr. House“ wurde Prof. Dr. Jürgen Schäfer über Medienberichte bekannt. Mit dem Erklären von schwierigen medizinischen Fällen und der Seminarreihe „Dr. House revisited – oder: Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“ erlangte der Internist, Kardiologe und Intensivmediziner auch außerhalb von Fachkreisen Bekanntheit. Eine Fach-Publikation über eine Kobaltvergiftung aufgrund einer fehlerhaften Hüftprothese weckte das mediale Interesse – auch weit über die Grenzen des deutschen Sprachraumes hinaus. Heute leitet Prof. Schäfer an der Universität Marburg das 2013 gegründete „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankheiten“, kurz ZusE.

Nicht alle Fälle können die Marburger Mediziner_innen diagnostizieren. Bei bis zu zwei von drei Fällen erzielt sein Team einen Erfolg – als Erfolg definiert er jedoch nicht die vollständige Heilung, sondern eine Linderung der Symptome. Nichtsdestotrotz fand Prof. Schäfer beispielsweise eine Bilharziose bei einem Patienten, der niemals in den Tropen war. Dieser hatte sich an einer tropischen Schneckenart in seinem Süßwasseraquarium infiziert – unwahrscheinlich, aber es ist passiert. Deshalb möchte Prof. Schäfer seine Studentinnen und Studenten für Dinge faszinieren, die selten prüfungsrelevant sind und nahezu ans Unwahrscheinliche grenzen. Auf die Frage aus dem Publikum, was wir als Studierende und für die Zukunft tun könnten, dass immer mehr dieser seltenen Krankheiten diagnostiziert werden, bekräftigt er, dass es wichtig ist, immer hartnäckig zu bleiben. Das Bedeutendste aber sei ein gutes und ausführliches Anamnesegespräch. Er betont, dass er und sein Ärzteteam keine besseren Ärzte seien, aber sein Zentrum genügend Zeit, technische Ressourcen, Forschungslabore und die nötige Software besitzt, um sich mit Unwahrscheinlichem und Seltenem zu beschäftigen. Zudem ist er ein Unterstützer des deutschen Gesundheitssystems, ist aber davon überzeugt, dass die etwa vier Millionen Menschen in Deutschland mit unerkannten und nicht diagnostizierten Krankheiten eine noch bessere medizinische Versorgung und Behandlung genießen würden, gäbe es mehr Anlaufstellen für seltene Erkrankungen, an die Allgemeinmediziner_innen ihre Patienten verweisen könnten.

DR-HOUSE
Prof. Jürgen Schäfer zieht die beliebte Arzt-Serie Dr. House heran, um seinen Student_innen beizubringen, auch seltene Differentialdiagnosen nicht zu vernachlässigen.

Viele verzweifelte Patient_innen wenden sich an die „Taskforce“ des ZusE. Stolz macht das den Marburger Arzt aber nicht. Dass sich so viele nur noch in diesem Zentrum ihre letzte Rettung sehen, das dürfe gar nicht sein. Jede Krankenakte berge schließlich ein Patientenschicksal. Waren 2014 noch 3000 Patienten auf der Warteliste, sind es heute 5500. Betrug die Wartezeit damals noch ein halbes Jahr, ist sie 2016 unbegrenzt. Eine Patientin ist der Meinung, dass es allein schon beruhigend sei, dass jemand da ist, der sie ernst nehme.

Auch von Kritik und Gegenwind ist er nicht verschont. Einem amerikanischen Sprichwort zufolge, haben Pioniere immer die Pfeile im Rücken. Das Hinterfragen von scheinbar sicheren Diagnosen erzeuge bei Ärzten, die ihren Patienten beispielsweise schon seit zehn Jahren behandeln, Unruhe und Unglücklichsein. Doch helfe nichts, meint er, man müsse auf jeden einzelnen Patienten und jede einzelne Patientin eingehen, das Beste versuchen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Patienten, die zu ihm kommen, an unbekannten und seltenen Erkrankungen leiden. Deshalb sei die Psychosomatikerin in seinem Team mit die wichtigste Ärztin – wenn sie psychosomatische Ursachen für unwahrscheinlich hält, könne man von anderen Gründen ausgehen.

von Michael Gerckens und Noa Niemann

Hier geht’s zur Doku „Der Arzt, der um die Ecke denkt“.

Hier geht’s zum Wikipedia-Eintrag von Prof. Jürgen Schäfer.

Und hier zur Facebook-Seite des M23-Kinos.

Bilder: Credit: Jeroen Komen, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported;

One thought on “M23-Kino: Der Arzt, der um die Ecke denkt

  1. Stefan Böhm

    Hallo,
    Ich bin der Patient bei dem die Bilharziose durch Professor Schäfer diagnostiziert wurde.
    Vorher wurde ich fast immer als psysisch Krank abgestempelt.
    Obwohl u.a eine Lymphanditis, Kieferosteomyelitis ,Colitis und andere Entzündungen Vorlagen .
    10 Kliniken mit über 300 Tagen Aufenthalt, man laß alte Befunde und es war sofort die Psyche.
    Jetzt leide ich unter anderem an den Folgen der Schistosomiasis und bin zu 90 % Schwerbehindert und nicht mehr arbeitsfähig.
    Ich danke nochmals Prof Schäfer und Team und meinem Hämatologen vor Ort .
    Ich hoffe und wünsche mir das abgehende Ärzte auch um die Ecke denken werden.

    LG Stefan Böhm

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